Reutlinger Generalanzeiger vom 30.10.2008
Kirche - Jens Schnabel und seine Familie sind die zehnten Bewohner in der Geschichte des Mähringer Pfarrhauses, das vor 125 Jahren gebaut wurde
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Wohnsitz mit Charme
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VON MARION SCHRADE
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KUSTERDINGEN-MÄHRINGEN. Eine Pfarrfamilie, zwei Kaninchen, drei Meerschweinchen: Jens Schnabel und seine große Familie leben seit zwei Jahren im Mähringer Pfarrhaus. In den Mauern des stattlichen Gebäudes stecken 125 Jahre Geschichte. Es ist die Geschichte der Menschen, die hier gelebt und gearbeitet haben. »Das Haus hat Atmosphäre, es strahlt etwas aus«, sagt Jens Schnabel.
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1883 errichtete Oberamtsbaumeister Adolf Wurster den Wohnsitz für die Geistlichkeit des Ortes. »Im damaligen Königreich Württemberg waren alle Pfarrhäuser in staatlichem Besitz«, erklärt Jens Schnabel. Nach den Gesetzen des landesherrlichen Kirchenregiments hatte der Fürst nicht nur in der Politik, sondern auch in der Kirche das Sagen.
Besagter Baumeister Wurster war sozusagen der Architekt des Staates. »In Württemberg gibt es mehrere Pfarrhäuser, die diesem sehr ähnlich sind«, berichtet Jens Schnabel. Gut möglich also, dass der königliche Architekt gewissermaßen »in Serie« ging und nach einem Einheits-Modell baute, um Zeit und Geld zu sparen. Das stattliche dreistöckige Haus hat einen Grundriss von 125 Quadratmetern. Im ersten Stockwerk lagen damals wie heute die Privaträume des geistlichen Gemeindeoberhaupts. Im Erdgeschoss waren die Amtsräume untergebracht - und der Pfarrsaal, in dem sich die Gläubigen trafen, bevor ein richtiges Gemeindehaus gebaut wurde.
Ein Zuhause auf Zeit
Die beachtliche Größe des Hauses hat allerdings nicht nur praktische Gründe: »Mähringen war damals Hauptort und Sitz der Gerichtsbarkeit«, sagt Jens Schnabel. Seine Vorgänger im Seelsorger-Amt wiederum hatten neben Mähringen auch die Gemeinden Jettenburg, Ohmenhausen und Immenhausen zu betreuen. Entsprechend repräsentativ sollte das Anwesen des Pfarrers sein.
Ein großer Garten und eine Wiese mit alten Obstbäumen umgeben das Haus. Wie alle anderen Bürger betrieb auch der Pfarrer früher seine eigene Landwirtschaft, um selbst für die nötigen Lebensmittel zu sorgen. Heute hat der Garten noch ganz andere Vorteile: Es gibt nicht nur eigenes Gemüse, sondern auch viel Platz zum Spielen für Schnabels vier Töchter. »Wir sind seit vielen Jahrzehnten die Ersten, die mit kleinen Kindern hier wohnen«, sagt der Pfarrer.
Irgendwann aber wird auch der zehnte Bewohner dieses Haus wieder verlassen müssen. Das Mähringer Pfarrhaus ist ein Zuhause auf Zeit für die Familie, die aus dem Remstal stammt. Sieben bis zehn Jahre verweilt ein Pfarrer in einer Gemeinde: »Das ist ein ungeschriebenes Gesetz«, sagt Schnabel. »Wir sind immer nur auf Zeit da. Das ist oft schwierig. Wenn man gehen muss, verliert man auch viel.« Andererseits sieht der Pfarrer in seiner dienstlichen Wanderschaft eine Chance: »Man bleibt flexibel, muss sich immer wieder auf Neues einlassen.« Das »Neue«, das er und seine Familie in Mähringen vorgefunden haben, wird ihn wohl noch eine Weile im Ort halten: »Wir fühlen uns hier sehr wohl.« (GEA) |